8. Reisebericht, Dezember 2005 Orang Utans in Kalimantan (Borneo) und durch die Piratengewässer der Strasse von Malakka
Besuch bei den Orang Utans im Nationalpark in Borneo Das Meerwasser ist seit Bali smaragdgrün und selten tiefer als 30 m. Wir freuen uns, als Borneo in Sicht ist. Das Wasser wird immer brauner, kleine Frachtschiffe passieren die "Muscat". Wir fahren den weiten, braunen Kumai Fluss bis zum Ort Kumai hinauf und ankern auf der gegenüberliegenden Seite. Es dauert nicht lange, taucht der erste Gast auf, stellt sich als Adi vor. Er organisiert Touren in den Nationalpark
Tanjung Putang, wo versucht wird die letzten, stark gefährdeten Orang Utans zu retten. Orang Utans brauchen eine intakte Umwelt um überleben zu können. Holzschlag und der Handel mit Jungtieren haben den Bestand auf Borneo in den letzten 20 Jahren um 80 % dezimiert. Um ein Jungtier zu fangen, muss die Mutter vom Baum geschossen werden. Dabei kommt meist auch das Jungtier durch den Sturz von den hohen Bäumen um. So kommen auf ein gefangenes Tier im Durchschnitt etwa acht getötete Tiere. Die
geschützten und akut vom Aussterben bedrohten Orang Utans sind eine begehrte und teure Handelsware trotz Artenschutz. Wird solch ein Handel von den Behörden aufgedeckt, so wird das Tier beschlagnahmt und kommt in die Affenstation im Nationalpark. Dort versuchen die Ranger, das Tier wieder an ein wildes, eigenständiges Leben zu gewöhnen. Sehr nachdenklich stimmt uns die Tatsache, dass der Lebensraum dieser Menschenaffen extrem gefährdet ist. Trotz des totalen Verbots des Holzschlages
werden noch immer Bäume im Nationalpark gefällt. Eine Goldmine oberhalb des Flusslaufes verseucht zudem die ganze Gegend mit Quecksilber, das im Minenabbau eingesetzt wird und mit dem Flusswasser durch den Nationalpark an Dörfern und Städten ins Meer geschwemmt wird. Nach Schätzungen der Wissenschaftler werden Orang Utans in freier Wildbahn in etwa 15 Jahre ausgestorben sein. Den Preis für die Tour finden wir ziemlich hoch. Nebst der Miete für das schöne, farbige Flussboot, das hier
Kelotok (Klotok) genannt wird, zählt er auch den Betrag für den Führer (Adi), einen Fahrer, einen Koch, einen Helfer (Diener) Nationalparkeintritt, einen Wächter für Muscat während unserer Abwesenheit, Esswaren und einem Fahrpreis für jeden von uns auf. Und leider sehe er sich wegen der Preisabsprache mit seinen Konkurrenten ausserstande zu verhandeln. Ja, klar, das verstehen wir natürlich, doch müssen wir uns in diesem Falle noch einmal überlegen, ob wir die Tour machen wollen. "Na
ja", meint Adi, "er verstehe das der Preis für fünf hoch ist. Wenn wir versprechen, niemanden etwas zu sagen, könnte ja auch er kochen, den Diener lässt er weg." Damit ist die Tour auf einem vernünftigen Preisniveau. Adi freut sich, er sei nämlich ganz neu im Geschäft und im Gegensatz zu seinen Tourkollegen, wolle er unbedingt auch den besten Service, speziell für Yachties, anbieten. So müssen wir nicht mal unser Dingi einwassern, sondern fahren mit einem sehr schmalen, langen
Kanu an Land. Adi fährt Andi mit dem Motorrad zu den Amtsstellen, wo wir uns melden müssen, während ich mit den Kindern bei seiner Tante zum Tee eingeladen werde. Er organisiert uns Diesel, der in Fässern im Kanu geliefert wird! Früh am nächsten Morgen holt uns Adi sowie sein Freund und unser Koch Adis und doch noch ein Helfer, der Radi heisst (einfach sich zu merken, nicht?) ab für die Flusstour. Das Kelotok ist schön bemalt, sauber und richtig gemütlich. Wir machen es uns auf dem Deck
unter dem Sonnendach auf Matratzen mit Kissen sehr bequem. Hinten auf dem Deck hat es ein kleines Kabäuschen, wo eine "moderne" Toilette mit "manueller" Wasserspülung ist. Wir tuckern einen brauen Nebenfluss des Kumai hinauf, vorbei an dichten tropischen Pflanzen am Ufer. Alle geniessen die Fahrt. Yanik und Fabien lernen für die Schule, lesen, winken den vorbei knatternden Kanus zu, die wahrscheinlich zur weiter oben am Fluss gelegenen Goldmiene fahren, bestaunen
die Landschaft, trinken heissen Tee und essen dazu knusprige Kräcker. Adi serviert ein reichhaltiges Mittagessen mit verschiedenen indonesischen Speisen, das, welch ein Wunder, sogar bei allen drei Kindern Begeisterung auslöst. Wie hatten wir doch gesagt, unsere Kinder essen kaum etwas, vor allem nicht, wenn sie die Speisen nicht kennen? Hier schmausen mit grossem Appetit. Einer meint sogar, dass er noch NIE in seinem Leben so gut gegessen habe. Ich glaube, nicht richtig zu hören! Am
frühen Nachmittag legen wir neben zwei Kelotoks an einer Anlegestelle an und spazieren komfortabel auf einem hölzernen Steg über Sumpfgebiet zum Informationszentrum. Leider ist es geschlossen, so gehen wir gleich auf einem Pfad im Dschungel weiter zu der Fütterungsstelle. Orang Utans hängen in den Bäumen rum. Sie beobachten uns interessiert, genauso wie wir sie. Schon bald kommt uns ein Weibchen mit einem Jungen auf dem Rücken auf dem Pfad entgegen. Wir gucken begeistert und zücken unsere
Digitalkamera. Adi dreht sich vorsichtig um und pfeift zum langsamen Rückzug. Dieses Weibchen sei leider sehr aggressiv und habe gerade am Vortag einen Ranger gebissen. So sind wir wieder einmal auf der Flucht, diesmal allerdings langsam und rückwärts auf schmalen Holzlatten über matschigem, nassen Waldboden. Das Weibchen dreht sich um und entfernt sich von uns. Wir schleichen uns langsam wieder auf den Pfad mit Ziel, die Stelle zu passieren und voranzukommen. Aber die Mutter kommt sofort
wieder in unsere Richtung gelaufen. Wieder balancieren wir vorsichtig rückwärts. So geht das Spielchen eine ganze Weile. Langsam belustigt mich das Ganze wieder einmal, Adi weniger. "Zu dumm, dass ich keine Bananen mitgenommen habe. Füttern ist zwar verboten, aber in dieser Situation wären wir froh drum. Habt ihr irgendetwas dabei?" Leider nicht, nur eine halbleere, kleine Wasserflasche. "Ihr müsst jetzt ganz interessiert sein an der Wasserflasche und so tun, als ob ihr trinken
würdet. So dass das Weibchen uns beobachten kann und neugierig auf die Flasche ist!" Also stehen wir auf dem Pfad, nehmen die Flasche und tun so, als hätten wir noch nie eine Flasche gesehen oder als wäre dies unser letzter Tropfen Wasser. Wir versuchen dabei ernst zu bleiben. Schliesslich wirft Adi die Wasserflasche in den Wald. Prompt folgt das Weibchen, nimmt die Flasche und begutachtet sie, während wir die Chance nutzen und schnell an ihr vorbei huschen. "Das hat ja gut
geklappt, aber sagt bitte niemanden, dass ich Abfall im Naturpark hinterlassen habe!" bittet uns Adi. Es ist schön, zu hören, dass auch hier ein gewisses Umweltverständnis ins lokale Bewusstsein kommt. Beim Fütterungsplatz warten bereits einige Besucher, dort bekommen die Affen Bananen und Milch bereitgestellt. Es dauert nicht lange, da biegen sich die Baumwipfel der jungen Bäume, es raschelt hoch oben in den Baumwipfeln. Yanik und Fabien sind sehr beeindruckt von den immensen
Kletter- und Springkünsten der Orang Utans. Nun wollen sie es den Tieren nachmachen und versuchen, auf einen dünnen Baum zu klettern. Aber sie brauchen die Hilfe von Papa und Mama, um überhaupt mehr als einen Meter hoch zu kommen und hängen dann wie Kartoffelsäcke daran, bevor sie mit unserer Hilfe wieder heil runter kommen. Mit dem Kelotok fahren wir den Fluss wieder hinunter zu einem schönen grossen Teich mit vielen Wasserpflanzen und, so lassen wir uns sagen, etlichen Krokodilen. In
der stimmungsvollen Abenddämmerung wird der Urwald lauter und lauter, die Frösche quaken ein grosses Konzert. Wir duschen auf dem Heck des Kelotok mit dem braunen Moorwasser und schmausen anschliessend eine indonesische Nudelsuppe mit Huhn. Yanik und Fabien überschlagen sich mit Komplimenten für die Suppe! Am nächsten Morgen besuchen wir noch eine andere Station, sehen Fleisch fressenden Pflanzen und flüchten schon wieder vor einem Affen, diesmal vor einem stattlichen Männchen. Aber das
sind wir ja inzwischen gewohnt. Nach der Fütterung tuckern wir langsam wieder in Richtung Hauptfluss, sehen Langnasenaffen in den Bäumen turnen, halten mal da für eine kleine Dschungeltour und dort, für einen Besuch in einem armseligen Dorf. Dieses wurde noch schnell gegründet und aufgebaut, bevor der Nationalpark diese Gegend vor dem Menschen schützte. Schmatzinsel "Muscat" Zurück auf der Muscat vereinbaren wir ein richtig indonesisches Kochgelage auf der Muscat.
Dazu begleite ich Adiz am nächsten Morgen auf den lokalen Markt. Bei den vielen getrockneten Fischen, mit Fliegen gesprenkelten Hühnchen, den in der heissen Sonne liegenden Crevetten wird meine Nase ziemlich sehr strapaziert. Adiz begutachtet die Ware, kauft gemächlich mal da, mal dort etwas und erklärt mir viel Unbekannte Ware. Ich vertraue ihm voll und hoffe, dass wir keine Lebensmittelvergiftung durch die für mein Verständnis schon ziemlich lange an der prallen Sonne liegenden, leicht
verderblichen Ware bekommen. Schwer bepackt kehren wir zur Muscat zurück. Ich helfe Adiz sich ein dem engen Raum in unserer Pantry einigermassen zurechtzufinden. Ich überlasse ihm die Kocherei. Er weiss sich gut zu helfen, lässt sich Zeit und organisiert sich mit allen Schüsseln, die ich habe. Nach zwei Stunden essen wir Bumbu-Hühnchen, verschiedene Gemüse in Sossen, Mie Goreng (gebratene Nudeln mit Gemüse), Suppe, frittierte Bananen und natürlich Reis. Wieder brechen unsere Kinder in
Begeisterungsstürme aus und es wundert mich nicht, als Adiz anbietet und am Abend sowie am nächsten Tag noch einmal zu bekochen. Ich geniesse es einfach. Auf dem Weg nach Singapur Nun, auch hier wird es Zeit Abschied zu nehmen, wir nehmen Abschied von Menschen, die zu Freunden wurden und tuckern den Kumai Fluss hinunter. Es ist unglaublich, die Windrichtung hat sich geändert, aber so haben wir ihn wieder auf die Nase. Unterwegs auf dem Weg nach Singapur halten wir in den
Karimata-Inseln an. Unsere Rupien haben wir in Kumai alle ausgegeben und so ohne Geld bleiben wir dem Dorf fern. Am Abend kommen ein paar Jungs vorbei, freuen sich über das offerierte Cola. Reto ist Ingenieur und leitet den Bau des neuen Hafens im Dorf. Er möchte gerne mal unser Windsurfbrett ausprobieren. Dieses dient eigentlich nur noch Yanik und Fabien als "Kanu". Das macht ihnen aber nichts, sie stürzen sich mit Jeans und T-Shirt gleich ins Wasser und versuchen das Brett zu
erklimmen. Als sie einigermassen das Gleichgewicht halten, binden sie das Brett hinter ein Kanu und improvisieren so den Wind. Yanik und Fabien sind natürlich voll dabei, die Jungs haben grossen Spass. Andi und ich amüsieren uns sehr vom trockenen Schiff aus. Die Reise nach Singapur verläuft weiterhin ohne Wind oder mit Wind von vorne (auf die Nase), dazu kommen immer wieder heftige Regenschauer. Wir durchqueren die berühmte, "historische" und für ihre Piratenüberfälle
berüchtigte Strasse von Malakka. Riesige Frachtschiffe, Schlepper die Tonnen von Sand schleppen und tollkühne Fischerboote ziehen an uns vorbei. Hohe Kräne, Kamine und Gebäude recken sich an Land in den Himmel. Zwischen der Insel von Singapur und dem Festland von Malaysia fahren wir den Meeresarm hinauf nach Johor Bahru, der malaiischen Nachbarstadt von Singapur. Die Seite von Singapur wird streng mit Helikoptern bewacht und durch mit Stacheldrähten gesichert. Wir ankern vor dem
Damm, der Johor Bahru mit Singapur verbindet zwischen zwei Grossstädten von zwei Ländern. Welch Kontrast zu den einsamen, ruhigen Inseln, die wir zuletzt besucht haben! Wir staunen in den riesigen, angenehm kühlen Shopping Center über das immense Angebot von günstigen, für uns auf dem Schiff völlig überflüssigen Waren. Tagesausflüge nach Singapur In Singapur besuchen wir den berühmten Zoo. Seltene Tiere leben in diesem Freizeitpark, der uns mit viel erstaunlichen Wissen und
Aktivitäten die Tierwelt, deren und unsere Umwelt noch bewusster macht. Umso schockierter nehmen wir an diesem Freitagabend mitten im stockenden Abendverkehr die immense Lärm-, Luft- und unglaubliche Umweltverschmutzung wahr. Wir bleiben kurz vor dem Zoll auf der mehrspurigen dicht befahrenen Strasse stecken. Zu Fuss schlängeln wir uns die restlichen Kilometer durch den Verkehrsstau zum Zoll von Singapur und über den Damm. Motorräder dröhnen Vollgas an uns vorbei. Der Lärm hallt in den
Betonwänden. Wir staken über die schmalen, kaputten Gehsteige und befürchten, dass wir vor Erreichen der malaiischen Seite entweder überfahren oder erstickt sind. Welch ein Hohn gegenüber den guten Vorsätzen, die wir im Zoo vernommen haben, die Umwelt zu schützen!! Durch die Piratenstrasse von Malakka Schnell haben wir genug von den Grossstädten und der immensen Umweltverschmutzung, die man ungeniert schon so eine Umweltkatastrophe nennen darf. Wir heben unseren Anker aus dem
meterdicken Plastik-Unrat auf dem Flussboden und verduften in die 800 sm lange Strasse von Malakka, bereit für das Piratenabenteuer. Auf dieser Strasse werden jedes Jahr die meisten Piratenüberfälle verübt. Wir fühlen uns hier zu keiner Zeit weder gefährdet noch bedroht. Die malaiische Seite wird streng überwacht und ist wohlhabend und modern. Ausserdem sind eher grosse Frachtschiffe bedroht, die kurzerhand entladen oder grad ganz entführt werden, während bei uns ja kaum etwas Wertvolles zu
stehlen ist. Wir fahren unter Motor in bis nach Port Dickson bei Malakka und machen in einer gediegenen Marina mitten in einem Hotelkomplex fest. Hier bieten wir "Muscat" bei einem Schiffshändler zum Verkauf an. Ein Gewitter mit stürmischen Winden donnert nachts über uns hinweg, während wir uns glücklich schätzen nicht auf See zu sein. Wir haben richtiges Wetterglück, wenn man weiss, dass dies eine gefährliche Gewitterzone zu dieser Jahreszeit ist und fahren ohne
Probleme zur malaiischen, zollfreien Insel Langkawi, nahe der thailändischen Grenze. Hier treffen wir endlich wieder andere Segler und geniessen ein unbeschwertes Seglerleben über die Weihnachtstage mit einem kurzen Abstecher nach Thailand zur traumhaft schönen Insel Koh Lipe im Tarutao Nationalpark. Inzwischen ist anfangs Januar 2006. Wir haben uns gut erholt und die letzten Wochen eine ruhige Zeit gegönnt. "Muscat" haben wir nicht verkauft, denn schlussendlich wissen wir,
dass wir eine besondere Zeit erleben und uns der Alltag in der Schweiz nicht "davon läuft". Damit wir wie geplant um den 20. Januar die lange Übersegelung um den indischen Subkontinent zu den Malediven unter den Kiel nehmen können, müssen wir wieder einmal Abschied nehmen. Wir wollen nämlich in Thailand gerne noch ein paar paradiesische Plätze ansegeln, darunter auch den berühmten Nationalpark Phang Nga mit der "James Bond" Insel. Vor uns liegen 1500 sm zu dem
nördlich in den Malediven gelegenen Atoll Uligamu. Wir verzichten wegen der ungünstigen politischen Lage Sri Lankas auf einen Zwischenstopp. Nach einer Woche Pause in den Malediven werden wir gleich noch einmal 1000 sm bis nach Oman segeln. Was wird uns alles auf diesen langen Strecken erwarten? |